Dr. med. Karen Reinecke
Dr. med. Karen Reinecke
Ärztin
Für die meisten gehört ein Orgasmus zum Sex dazu. Aber Sex kann auch ohne Orgasmus sehr schön sein.

Liebe, Sexualität und mehrSex: Von körperlicher Erregung bis zum Höhepunkt!

Man muss keine Gebrauchsanweisung lesen, um Sex zu haben bzw. um dabei alles „richtig“ zu machen. Denn was soll „richtig“ oder „falsch“ dabei überhaupt bedeuten?
Es soll sich einfach für dich / euch richtig anfühlen – natürlich mit gegenseitiger Rücksichtnahme. Verlass dich auf dein Gefühl und genieße den Moment.

Hier findest du Antworten auf wichtige Fragen:

Körperliche Erregung - was passiert da eigentlich?

  • Die körperliche Erregung wird durch unser Nervensystem und verschiedene Botenstoffe gesteuert. Der Blutdruck steigt und damit auch die Durchblutung der Haut und der Organe. Auch die Empfindlichkeit der Nerven in der Haut steigt. Die Brustwarzen können hart werden und sich aufrichten.
  • Bei männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen gibt es Schwellkörper, die sich bei Erregung mit Blut füllen.
  • Beim Penis sieht man das sehr eindeutig, weil er bei Erregung steif wird. Zudem kann aus der Harn-Samen-Röhre auch etwas Flüssigkeit, der sogenannte Lusttropfen (Präejakulat), austreten. Zum einen dient der Lusttropfen dazu, die Harnröhre auf den Samenerguss vorzubereiten, zum anderen wirkt er als natürliches Gleitmittel. Der Lusttropfen kann auch schon Spermien enthalten.
  • Bei den weiblichen Geschlechtsorganen passiert auch eine Menge, aber eher "unter der Oberfläche" und es dauert oft ein wenig länger. Wenn man sich ausreichend Zeit gönnt und sich erst einmal streichelt und küsst, füllt sich der im Inneren des Körpers liegende Teil der Klitoris mit Blut, wodurch die Labien ein wenig anschwellen und dunkler werden. Gleichzeitig wird die Vagina an der Öffnung und innen meist feucht, denn die Drüsen der Vagina beginnen mehr Flüssigkeit zu bilden. Auch aus den Bartholinischen Drüsen tritt vermehrt Flüssigkeit aus, die, ebenso wie beim Penis der Lusttropfen, als Gleitmittel dienen kann. Die Vaginalöffnung wird weicher und dehnbarer.
  • Wenn das alles passiert ist, könnte als eine Variante von Sex der Penis meistens problemlos vorsichtig in die Vagina gleiten (Vaginalsex). Das ist für alle Beteiligten ein intensives Gefühl.
  • Übrigens: Viele Jugendliche fragen sich, ob es beim Sex einen Unterschied macht, ob der Penis beschnitten oder unbeschnitten ist. Nach einer Beschneidung ist die Eichel nicht mehr (oder weniger) von der Vorhaut geschützt und wird dadurch häufig etwas weniger empfindlich. Manche betrachten das als Nachteil, da eine stärkere Stimulation nötig sein kann, andere als Vorteil, da sie dann vielleicht länger Sex haben können bevor sie einen Orgasmus bekommen, und wieder andere haben gar keine Meinung dazu. Du siehst also, das ist Interpretationssache und keine der beiden Varianten ist prinzipiell besser oder schlechter.
Seitliche Ansicht der männlichen Geschlechtsorgane
Seitliche Ansicht der weiblichen Geschlechtsorgane

Vaginal-, Oral-, und Analverkehr - Vorlieben sind verschieden!

  • Menschen haben verschiedene Vorlieben. Es gibt nichts, was man machen muss. Aber was man möchte, kann man im gegenseitigen Einverständnis ausprobieren.
  • Neben dem oben beschriebenen sogenannten Vaginalverkehr gibt es weitere Möglichkeiten, miteinander Sex zu haben. Die Bezeichnungen richten sich dabei meistens nach den beteiligten Körperteilen, „oral“ leitet sich vom lateinischen Wort für Mund ab, während „anal“ vom lateinischen Wort für Darmausgang kommt. Ganz häufig berühren sich die beteiligten Personen auch gegenseitig mit den Händen und Fingern an ihren Geschlechtsteilen, dafür gibt es jedoch keinen eigenen lateinischen Begriff.
  • Beim Oralverkehr liebkost man also die Geschlechtsteile der anderen Person mit dem Mund. Bei einer Vulva nennt man das auch "lecken" oder "Cunnilingus", bei einem Penis "blasen", "Blowjob" oder "Fellatio". Solange es wirklich beim Oralverkehr bleibt und keine Samenflüssigkeit in die Vagina gelangt, kann keine Schwangerschaft entstehen. Sowohl beim "Lecken" als auch beim "Blasen" können jedoch Krankheiten übertragen werden, denkt also auch hier unbedingt an Verhütung mit Kondomen und Lecktüchern! Es gibt immer wieder Gerüchte, dass es gesund wäre, Sperma zu schlucken. Das ist nicht richtig. Sofern keine übertragbare Krankheit besteht, ist es aber auch nicht schädlich. Ganz wichtig ist, dass jede Person selbst entscheiden kann, was sie machen möchte und was nicht!
  • Beim Analverkehr dringt die eine Person (mit Finger, Sextoy oder Penis) in das Po-Loch der anderen Person ein. Das Po-Loch ist bei den meisten Menschen sehr eng, hier ist (genau wie bei der Vagina) wichtig, dass die Person entspannt ist, genug Feuchtigkeit (hier fast immer mit Gleitgel) vorhanden ist, und das Eindringen sanft und langsam geschieht, ansonsten kann es zu Verletzungen kommen. Auch hier ist ein Schutz vor übertragbaren Krankheiten nötig! Nach dem Analverkehr solltet ihr euch immer die Hände waschen, Sextoys reinigen und / oder das Kondom wechseln. Vor allem falls danach die Vulva berührt wird oder Vaginalverkehr stattfindet, ist das wichtig, da es sonst zur Übertragung von Darmbakterien in die Vagina kommen kann.
  • Wichtig dabei ist, sich nicht überreden oder unter Druck setzen zu lassen und etwas zu versuchen, was man eigentlich nicht möchte. Besprecht offen miteinander, was ihr euch beim Sex wünscht. Erlaubt ist, was dir / euch gefällt und womit ihr euch nicht gegenseitig gefährdet oder verletzt.
  • Wenn sich trotzdem etwas als unangenehm oder sogar schmerzhaft herausstellt, solltet ihr dies eurem Gegenüber deutlich machen und darüber sprechen. Das ist natürlich einfacher, wenn man sich schon gut kennt, einander vertraut und aufeinander achtet.
  • Noch einmal - weil es so wichtig ist: Auch beim Oral- und Analverkehr solltet ihr euch unbedingt vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen, z.B. mit Lecktuch und Kondom. Solltest du im Anschluss an den Sex trotzdem Probleme oder Beschwerden haben, dann zögere nicht und frage eine Ärztin oder einen Arzt.
  • Übrigens: Sexuelle Vorlieben können sich, wie andere Vorlieben auch, im Laufe des Lebens ändern und man braucht vielleicht auch eine Weile, um herauszufinden, was einem besonders gut gefällt. Das kann auch in Bezug auf die sexuelle Orientierung der Fall sein: Für manche ist es von Anfang an ganz klar, dass sie sich zu einem bestimmten Geschlecht hingezogen fühlen, andere Menschen werden sich ihrer sexuellen Orientierung erst später bewusst, wieder andere haben immer mal wieder Partner*innen verschiedenen Geschlechts.
Verschiedene Sexstellungen

Was passiert beim Orgasmus?

  • Vielleicht hast du schonmal gehört, dass es etwas gibt, das sich "Orgasmus" nennt. Damit ist der Höhepunkt der körperlichen und psychischen Erregung beim Sex gemeint. Wahrscheinlich würde jeder Mensch, der schonmal einen Orgasmus erlebt hat, ihn anders beschreiben. Manche empfinden ihn als "Vulkanausbruch", manche als "warme Welle", manche als "Loslassen", manche als "Explosion", manche als "pure Entspannung", und das kann sogar bei derselben Person jedes Mal ganz anders sein. Du siehst also, es gibt nicht den einen Orgasmus.
  • Es ist außerdem sehr unterschiedlich von Person zu Person, wann und wie sie am Besten zum Orgasmus kommt. Beim Penis reicht Reibung meistens aus, um einen Orgasmus und einen Samenerguss zu bekommen. Dies kann zum Beispiel Reibung an der Vaginalwand, an der Analwand oder auch durch die Hand (zum Beispiel bei der Selbstbefriedigung) sein. Dies liegt daran, dass die Eichel ein Bereich mit sehr vielen Nervenenden ist, die sexuelle Lust vermitteln.
  • Bei den weiblichen Geschlechtsorganen ist die Klitoris entsprechend das empfindlichste Körperteil. Deswegen ist es meistens so, dass ein Orgasmus dann erreicht wird, wenn die Klitoris berührt oder gestreichelt wird. Die Klitoriseichel hat die höchste Dichte an Nervenendigungen und reagiert besonders sensibel auf Berührung und Stimulation. Die Klitoris-Schwellkörper liegen unter den Vulvalippen, Berührungen hier können also auch sehr erregend sein.
  • Es wird immer wieder gesagt, dass es in der Vagina einen sogenannten „G-Punkt“ gibt und dieser bei Stimulation einen Orgasmus auslöst. Allerdings gibt es bis heute keinen Beweis, dass der wirklich existiert! Vielmehr ist es so, dass die inneren Klitoris-Anteile mit ihren Schwellkörpern bei einigen ganz eng an der Vaginalwand liegen und eventuell mit Penis, Fingern oder Sextoy stimuliert werden. Aber das funktioniert längst nicht bei allen und schon gar nicht jedes Mal.
  • Lass dir keine Komplexe oder Minderwertigkeitsgefühle einreden, wenn nicht alle Beteiligten immer einen Orgasmus bekommen. Oder wenn ganz unterschiedliche Berührungen notwendig sein können, damit du zum Höhepunkt kommst. Zeige der anderen Person, wie sie dich berühren kann, damit es sich für dich schön anfühlt, und wie du zum Orgasmus kommen kannst.
  • Es ist sehr unterschiedlich, wie viele Orgasmen man hintereinander haben kann. Besonders die männlichen Geschlechtsorgane brauchen häufig eine gewisse Pause, die von Person zu Person sehr unterschiedlich lang ist. Die weiblichen Geschlechtsorgane brauchen das häufig nicht, so ist es durchaus möglich, mehrere Orgasmen in kürzerer Zeit hintereinander zu haben.
  • Übrigens: Das Wichtigste beim Sex ist nicht der Orgasmus! Sondern die Nähe, der Spaß, die Zärtlichkeit und die Verbundenheit, die ihr dabei erleben könnt. Es ist schön, wenn ihr "kommt", aber macht euch keinen Druck, dass das (immer) das Ziel von Sex sein sollte. Sex kann auch ohne Orgasmen wunderschön sein!

Was, wenn es weh tut?

  • Dass es beim (ersten) Sex nicht bluten muss, wird im Beitrag "Mythos Jungfrau" ausführlich beschrieben.
  • Wenn dein erster oder auch ein späterer Sex für eine beteiligte Person unangenehm oder schmerzhaft ist und es eventuell sogar ein wenig blutet, kann es unterschiedliche Gründe haben. Ein Grund kann mangelnde Erregung sein. Dann kann die Vagina trocken oder angespannt sein. Deshalb ist es vielleicht zu kleinen Einrissen in der Haut gekommen, die nun ein wenig bluten. Das hört in aller Regel ganz rasch von selbst wieder auf.
  • Aber fürs nächste Mal kann das bedeuten: Miteinander sprechen, sich mehr Zeit lassen und Berührungen finden, die für alle Beteiligten schön und erregend sind.
  • Wenn die Vagina nicht feucht wird, kann das bedeuten, dass dein Körper noch nicht so weit ist, muss es aber nicht. Es ist ganz unterschiedlich, wie feucht die Vagina wird. Wenn Feuchtigkeit - und nicht Erregung - ein Problem ist, kann ein Gleitmittel hilfreich sein. Achtet allerdings unbedingt darauf, dass es sich mit dem Kondom „verträgt“ und dieses nicht durchlässig macht. Das kann man auf der Verpackung des Gleitgels nachlesen.
  • Wenn du dir doch noch nicht so sicher bist und vielleicht auch gar nicht so viel Lust auf Sex hast, wie du dir gewünscht hast, dann warte lieber noch und genieße andere Formen der Nähe und Zärtlichkeit. Der Rest kommt schon irgendwann von selbst, keine Eile!
  • Wenn der Sex trotz all dieser Tipps für dich unangenehm bleibt, sag es und verzichtet erstmal darauf. Vielleicht ist der Zeitpunkt einfach noch nicht richtig für dich. Du kannst dazu auch Gynäkolog*innen oder Urolog*innen um Rat fragen, sie kennen diese Probleme und können dich beraten.
  • Schmerzen beim Samenerguss kommen auch vor, dies kann ganz harmlose Gründe haben. Welche genau wird zum Beispiel hier beschrieben.

Quellen

Ahrendt H-J, Friedrich C: Sexualphysiologie. In: Kaufmann M, Costa S D, Scharl A (Hrsg.): Die Gynäkologie. 3. Auflage 2013, Springer Berlin Heidelberg; 1018-1028.

AWMF: Phimose und Paraphimose bei Kindern und Jugendlichen. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 006-052, Stand Dezember 2021.

Fortenberry J D: Puberty and Adolescent Sexuality. Hormones and behaviour 2013; 64(2): 280–287.

Haversath J et al.: Sexual behavior in Germany—results of a representative survey. Deutsches Ärzteblatt International 2017; 114: 545–50.

Killick, S R et al.: Sperm content of pre-ejaculatory fluid. Human Fertility: Journal of the British Fertility Society 2011; 14(1): 48–52.

O’Sullivan L F et al.: A Longitudinal Study of Problems in Sexual Functioning and Related Sexual Distress Among Middle to Late Adolescents. Journal of Adolescent Health 2016; 59:318-324.

Trottmann M, Stief C G: Physiologie der Erektion und erektile Dysfunktion. In: Michel M, Thüroff J, Janetschek G (Hrsg.): Die Urologie. Springer Reference Medizin. Springer 2014.

Vieira-Baptista P et al.: G-spot: Fact or Fiction?: A Systematic Review. Sexual Medicine 2021;9:100435.

Stand 09. März 2023

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